Elodie Vermeersch, Kakaoexpertin bei Fairtrade Deutschland, im Interview über Kakaoalternativen und die Zukunft der Schokolade.
Wie sieht die Zukunft der Schokolade aus? Angesicht des Klimawandels und immer schwierigeren Bedingungen für den Kakaoanbau, stellen einige Süßwarenhersteller auf Schokolade ohne Kakao um.
Wie diese Entwicklung den Kakaohandel, die Kakaoproduzent*innen und die Situation in den Ländern, die maßgeblich vom Kakaoexport leben, beeinflusst, erklärt Elodie Vermeersch, Kakao-Expertin bei Fairtrade Deutschland. Sie erläutert, wie zukunftsfähig Kakao-Lieferketten sind und was Nachhaltigkeit mit fairen Arbeits- und Lebensbedingungen zu tun hat.
Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen für Kakaoproduzent*innen wie Dora Atiiga in Ghana.
Ist es nicht eine positive Entwicklung, dass angesichts der Klimakrise, die den Kakaoanbau bedroht, nach regionalen Alternativen geforscht wird?
Innovationen sind natürlich erstmal positiv – gerade angesichts der Klimakrise, ist es wichtig, dass neu gedacht wird. Wenn ich mir die aktuellen Kakaoalternativen und die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekte angucke, entdecke ich aber viele Lücken: Nur das Mehl wird aus Sonnenblumenkernen, Gerste oder Traubenkernen aus Osteuropa gewonnen. Dieses macht aber nur 10 bis 15 Prozent der Rezeptur einer Schokoladenalternative aus. Für die weiteren Inhaltsstoffe wie Zucker, pflanzliche Fette, Sheabutter oder Palmfett fehlen konkrete Informationen zur Herkunft. Insbesondere Palmfett und Sheabutter wachsen ausschließlich in tropischen Regionen.
Bei Fairtrade sehen wir Nachhaltigkeit als ganzheitlichen Ansatz. Transportwege sind dabei nur ein Aspekt. Produktionsbedingungen und die damit verbundenen Lebensbedingungen spielen eine große Rolle. Wenn man also über Innovation redet, müssen wir auch die Auswirkungen betrachten, die Änderungen der globalen Lieferketten mit sich bringen. In diesem Fall ist die Existenzgrundlage von Millionen von Menschen gefährdet, die vom Kakaoanbau leben. Ich frage mich, ist es nachhaltig, wenn eine Innovation gleichzeitig Existenzen bedroht?
Wir verfolgen die Mission, die Existenzgrundlage von Bäuerinnen und Bauern im globalen Süden zu verbessern. Die Antwort auf die Frage, ob Schokoladenalternativen nachhaltig sind, ist für uns klar – nein. Nachhaltigkeit ist ein komplexes Thema – das bedeutet nicht nur einen Aspekt wie Regionalität oder CO₂-Bilanz zu optimieren, sondern die vielfältigen Herausforderungen gleichzeitig anzugehen.
„Die stetige Zusammenarbeit seit Jahrzehnten schafft Zukunftsfähigkeit.“
2026 feiert Fairtrade 30 Jahre fair gehandelten Kakao mit Fairtrade-Siegel.
Die Kakaoalternativen werben mit Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit. Wie zukunftsfähig sind die Schokoladenalternativen? Auch im Vergleich zu echtem Fairtrade-Kakao.
Fairtrade feiert dieses Jahr 30 Jahre Fairtrade-Kakao, wir kennen den Rohstoff und seine Lieferketten sehr gut. Unsere Erfahrungen zeigen: Wenn wir von Nachhaltigkeit sprechen, spielt auch der Anbau eine große Rolle, beispielsweise ob der Kakao in Monokulturen oder Mischkulturen angebaut wird. Monokulturen sind anfälliger für Krankheiten und nicht förderlich für die Biodiversität und die Bodengesundheit. Wie der Anbau von Rohstoffen der Kakaoalternativen ist, ist nicht transparent.
Fairtrade geht seit Jahrzehnten viele strukturelle Probleme im Kakaoanbau an und macht ihn dadurch zukunftsfähig. Wir wissen und können belegen, dass die stabilen Fairtrade-Mindestpreise und Fairtrade-Prämien den Bäuerinnen und Bauern Zukunftsperspektiven ermöglicht. Fairtrade-Produzent*innen fällt es leichter in klimaresiliente Anbaumethoden zu investieren, was Fairtrade-zertifizierte Betriebe krisenfester macht. Das Fairtrade-System fördert auch Klimaanpassungsprogramme und Agroforstprogramme, die wiederum Biodiversität und Bodenreichtum fördern. Dadurch können Erträge verbessert werden. Die Einkommensdiversifizierung und größere Wertschöpfung am Ursprung (eigene Verarbeitung der Kakaobohnen in den Kooperativen) macht die Familien unabhängiger vor Preisschwankungen und fördert die lokale und wirtschaftliche Entwicklung. Diese Maßnahmen brauchen Jahrzehnte um sich zu entwickeln, es ist also eine langfristige, aber nachhaltige Investition.
Fairtrade ist ein weltweites Netzwerk direkt vor Ort. Unsere Kolleg*innen arbeiten eng mit den Kooperativen zusammen, bieten maßgeschneiderte Unterstützung und begleiten die Umsetzungen kurz-, mittel- und langfristig. Die Partnerschaft und Beratung von Expert*innen durch das Fairtrade-System schafft Empowerment und eigene Verantwortlichkeit im Anbau. Die Wirkung ist messbar und durch Studien belegt. Fairtrade liefert klare Strukturen, belegbare Erfolge und echte Perspektiven für die Menschen im Kakaoanbau. Statt kurzfristige Lösungen zu schaffen, sind Fairtrade-Produzent*innen langfristig resilient gegen Krisen. Die stetige Zusammenarbeit von Bäuerinnen, Bauern und Beschäftigten in den Anbauländern mit Unternehmen und den Menschen, die ihre Produkte kaufen, schafft seit Jahrzehnten Zukunftsfähigkeit.
Für Kakaoproduzent*innen wie Dora Atiiga und ihren Mann Mbawin Moses ist der Kakaoanbau die wichtigste Existenzgrundlage.
Steigende Kakaopreise sind ein Problem für Schokoladenhersteller, weshalb diese zunehmend auf günstigere Alternativen zurückgreifen. Was spricht für echten Fairtrade-Kakao?
Kakao hat ein einzigartiges Geschmacks- und Qualitätsprofil, das Alternativen aktuell nicht imitieren können. Schokolade ist ein hoch emotionales Produkt und hat den größten Marktanteil in der Süßwarenindustrie in Deutschland. Hierbei steht für Konsument*innen der Geschmack an erster Stelle, weshalb sie in dieser Hinsicht ungern Kompromisse eingehen, das zeigt auch eine Studie. Der Geschmack zählt also als eine der größten Hürden zur Vermarktung der Alternativen (zum Artikel auf fooddive.com). Die Umstellung auf Alternativen ist ein Risiko, wenn sie als Qualitätseinbuße und reine Kostenersparnis gesehen wird.
Wir beobachten die Entwicklungen und verfolgen wie sich Unternehmen, die von Kakao auf Ersatzprodukte umsteigen, positionieren. Mit Fairtrade Kakao haben Unternehmen eine Investition in stabile, langfristige Lieferketten. Unternehmen, die heute auf Fairtrade setzen, vermeiden morgen Risiken wie Lieferengpässe, regulatorische Verstöße oder Reputationsschäden.
In Ghana und Côte d’Ivoire ist Kakao mehr als ein Rohstoff – es ist eine wirtschaftliche Lebensader.
Welche Folgen hat eine abrupte Reduktion der Kakaoabsätze durch Schokoladenalternativen für Kakaobäuerinnen und -bauern?
In der Elfenbeinküste beispielsweise ist Kakao nicht nur ein Rohstoff, sondern eine wirtschaftliche Lebensader: Der Kakaosektor trägt rund 15 bis 20 Prozent zum nationalen Brutto-Inlands-Produkt (BIP) bei. Zum Vergleich: In Deutschland müsste man mehrere Schlüsselindustrien – Automobilindustrie, Maschinenbau/Elektrotechnik und Chemie/Pharma – zusammenzählen, um auf einen ähnlichen Anteil am BIP zu kommen.
Wenn Kakaoalternativen signifikante Marktanteile gewinnen und die Nachfrage nach echtem Kakao sinkt, sind viele Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die ohnehin an der Armutsgrenze leben, unmittelbar betroffen. Das gilt besonders für Nicht-Fairtrade-Kakaoproduzent*innen. Kakao ist häufig ihre einzige Einnahmequelle. Um Einkommen aus anderen Quellen generieren zu können, braucht es Zeit und Unterstützung.
Zudem zwingt ein sinkendes Einkommen Familien unter Umständen dazu, ihre Kinder auf das Feld statt in die Schule zu schicken. Armut ist die häufigste Ursache von ausbeuterischer Kinderarbeit. Auch Umweltprobleme wie Entwaldung könnten sich verschärfen, weil die kleinbäuerlichen Familien alternative Einkommensquellen suchen oder ihr Land intensiver nutzen müssen.
Eine sinkende Nachfrage nach Kakao löst die bestehenden Probleme also nicht – im Gegenteil: Die Situation der Bäuerinnen und Bauern verschlechtert sich und Probleme könnten wieder zunehmen.
Elodie Vermeersch ist Kakaoexpertin bei Fairtrade Deutschland. (c) Fairtrade
Inwieweit und wie setzt sich Fairtrade bereits im Kakaosektor für Kinderschutz und Walderhalt ein?
Fairtrade hat den Vorteil von 30 Jahren Erfahrung im Kakaosektor und arbeitet auf mehreren Ebenen: Ökonomisch, sozial, ökologisch und politisch.
Der Fairtrade-Mindestpreis und die Fairtrade-Prämie reduzieren Armut, was, wie zuvor dargestellt, eine der Hauptursachen für Kinderarbeit und Entwaldung ist. Die Child-Labour-Monitoring-Systeme, das Verbot der ausbeuterischen Kinderarbeit, die Sensibilisierung für Kinderrechte und Schulungen und die lokalen Kindesschutzkomitees identifizieren und verhindern Risiken für Kinderarbeit. Strenge Vorgaben zu Wald- und Umweltschutz, die klimaresiliente und biodiversitätsfördernde Anbaumethoden unterstützen, sind ebenfalls Teil der Fairtrade-Standards. Agroökologie wird über eine offizielle Policy gefördert. Auf politischer Ebene unterstützt Fairtrade Farmer*innen dabei, ihre Rechte gegenüber Regierungen und Unternehmen zu stärken.
Ein schönes Beispiel zur Förderung von Agroforstsystemen ist das Projekt „Sankofa“, bei dem es darum geht einen funktionierenden Kreislauf zu schaffen. Zusätzlich zu Kakaobäumen pflanzen die Bäuerinnen und Bauern Schattenbäume, die die Biodiversität fördern und den Boden anreichern. Zusätzlicher Vorteil: Die Kooperativen haben durch die Früchte der Schattenbäume weitere Einkommensquellen und sind weniger abhängig von der Kakaoernte. Agroforstwirtschaft braucht zwar Zeit, bis es wirkt, aber es löst viele Probleme und schafft Sicherheit.
Das Ziel von Fairtrade ist eine Landwirtschaft, die sowohl ökologisch tragfähig als auch sozial gerecht ist.
Bilder: (c) Fairtrade / Nipah Dennis
