Etwa 70 Kilometer entfernt von Asunción, der Hauptstadt Paraguays, liegt im Südwesten des Landes Arroyos y Esteros – zu Deutsch „Bäche und Sümpfe“. Das abgelegene Dorf inmitten des subtropischen Klimas ist Sitz der Kleinbauernkooperative Manduvirá. Hunderte Kleinbäuerinnen und Kleinbauern bewirtschaften hier ihre Zuckerrohrfelder. Das Klima ist ideal, doch die isolierte Lage und ungerechte Handelsbedingungen brachten lange Zeit große Herausforderungen mit sich. Jahrzehntelang mussten die Landwirt*innen ihr Zuckerrohr zu weit entfernten, privaten Mühlen bringen, welche die Preise diktierten und den größten Teil der Gewinne einbehielten.
Blanca Medina – Produzentin der Manduvirá Kooperative
Der Start einer süßen Erfolgsgeschichte
1975 entschieden einige Lehrer*innen und Landarbeiter*innen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie gründeten die Kooperative Manduvirá. Was als kleine Spar- und Kreditgenossenschaft begann, ist heute ein Vorzeigeprojekt für selbstbestimmte Entwicklung durch fairen Handel. Die Geschichte von Manduvirá zeigt, wie Gemeinschaft, Mut und Fairness eine Region verändern können.
Vom Traum zur eigenen Zuckermühle
Mit der Fairtrade-Zertifizierung im Jahr 1999 erhielt Manduvirá erstmals Zugang zu fairen Preisen und stabilen Handelsbeziehungen. Mittlerweile exportiert sie fast ihre gesamte Jahresproduktion von 4.000 Tonnen Zucker an Fairtrade-Kunden in 18 Ländern. In Verbindung mit der Fairtrade-Prämie konnten die Mitglieder ihre Produktion verbessern, in ihre Betriebe investieren und das Leben in ihrer Gemeinde Schritt für Schritt verändern. Doch eine große Herausforderung blieb: Der Transport zur nächsten Mühle – über 100 Kilometer auf unbefestigten Straßen – war teuer und aufwendig. Mit dem Wunsch nach mehr Unabhängigkeit und Kontrolle über ihre Produktion fassten die Mitglieder einen mutigen Plan: Der Bau einer eigenen Zuckermühle.
„In Paraguay sagten die Leute: ‚Ihr seid arm. Ihr seid verrückt. Ihr werdet niemals in der Lage sein, Zucker direkt zu verkaufen oder zu exportieren oder daran zu denken, eine eigene Zuckermühle zu haben,“ erinnert sich Andrés González, Geschäftsführer der Manduvirá-Kooperative.
Der Wendepunkt für mehr Selbstbestimmung
Der Weg zur Mühle war gespickt mit Vorurteilen, vielen Barrieren und Gegenwind der großen, privaten Zuckerfabriken. Mit viel Herzblut und Arbeit sowie mithilfe der Fairtrade-Prämie, nationalen und internationalen Krediten und dem Fairtrade Access Fund wurde der Traum Wirklichkeit: 2014 nahm die erste Fairtrade-zertifizierte Bio-Zuckermühle der Welt im Besitz von Produzent*innen ihren Betrieb auf. „Unser Traum einer Zuckermühle im Besitz der Kooperative anstatt privaten Unternehmern ist in Erfüllung gegangen“, meint der Geschäftsleiter von Manduvirá, Andres Gonzales, zu dieser Errungenschaft.
Seitdem verarbeiten und exportieren die Mitglieder ihren Zucker selbst – unabhängig von Zwischenhändler*innen, zu fairen Bedingungen und in eigener Verantwortung. Die Mühle bietet zudem rund 200 Arbeitsplätze, viele davon für junge Menschen, die in ihre Heimat zurückgekehrt sind. „Die Kooperative generiert neue Arbeitsplätze. Dank der eigenen Zuckermühle ergeben sich neue Möglichkeiten für Mitglieder, Nicht-Mitglieder und die gesamte Gemeinschaft“, erklärt Teresa Alejandra Pereira, Sekretärin der Kooperative Manduvirá.
Fairer Zucker, starke Gemeinschaft
Für die rund 1.700 Mitglieder der Kooperative bedeutet die eigene Mühle mehr Unabhängigkeit, mehr Einkommen und mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Sie entscheiden gemeinsam, wie die Gewinne und Fairtrade-Prämien verwendet werden. Mit den Einnahmen finanziert die Kooperative Projekte, die das Leben in Arroyos y Esteros nachhaltig verbessern und die Gemeinschaft stärken:
Ein Gesundheitszentrum mit Ärzt*innen und Zahnarztpraxis,
Bildungsangebote und Schulmaterialien für Kinder und Jugendliche,
Investitionen und Unterstützungen für Schulen,
Investitionen in sauberes Trinkwasser und sichere Wohnverhältnisse,
sowie die Renovierung der Häuser der Kooperativen-Mitglieder.
Ein Teil der Fairtrade-Prämie wird direkt an die Mitglieder ausgezahlt, damit auch schwierige Zeiten zwischen den Ernten überbrückt werden können. So bleibt das, was erwirtschaftet wird, in der Gemeinschaft. Die Geschichte von Manduvirá zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung kein Widerspruch ist– sondern die Grundlage für eine faire Zukunft.
Wenn Fairness den Geschmack bestimmt
Der Zucker aus Manduvirá findet heute seinen Weg in viele Länder – auch nach Deutschland. Er ist beispielsweise Bestandteil des „Cookies & Cream“-Pulvers von koawach, das fairen Handel mit genussvollem Geschmack verbindet. Dahinter steht eine Partnerschaft auf Augenhöhe, die zeigt: Genuss beginnt dort, wo alle profitieren – vom Anbau bis zur Tasse. Das „Cookies & Cream“-Pulver ist nun auch deutschlandweit bei dm erhältlich – mit fairem Zucker aus Manduvirá.
„Für mich bedeutet Unternehmertum, Verantwortung zu übernehmen – für Menschen, Umwelt und die Zukunft unseres Planeten. Fairtrade ist für mich kein Marketing-Siegel, sondern ein grundlegender Teil unserer Mission,“ sagt Daniel Duarte, Gründer von koawach.
Bilder (c) CLAC und koawach
