#Storybox: „Heute sehen wir selbstbewusste Kakaoproduzent*innen, die lieben, was sie tun.“

Deborah Osei-Mensah ist Masterstudentin und Kakaobäuerin in der Fairtrade-zertifizierten Kakao-Kooperative Asunafo North Farmers Union in Ghana. Mit viel Energie trägt sie den Fairtrade-Gedanken in die Welt – in ihrer Heimatgemeinde genauso wie auf ihren Reisen in den globalen Norden, zum Beispiel bei den Fairtrade Awards 2022 in Berlin. Im Interview erzählt sie uns, wie Fairtrade ihr Leben und das ihrer Gemeinde ihrer  verändert hat.

Deborah, erzähle uns ein bisschen über dich und wie du zu Fairtrade gekommen bist.
Ich arbeite für die Asunafo-Kakao-Kooperative in Ghana, in der sich rund 10.000 Kakaobäuerinnen und -bauern aus 67 Gemeinden zusammengeschlossen haben. Zurzeit bin ich in der Kooperative als Operations Managerin für Kinderschutz, Genderfragen und Existenzsicherung zuständig, arbeite jedoch auch auf meiner eigenen Kakaofarm.

Meine erste Begegnung mit Fairtrade hatte ich im Oktober 2016, als die Kooperative ihre Schulungen zu den Fairtrade-Standards durchführte. Mir gefiel alles an der Schulung: Ich erkannte, dass Fairtrade eine Organisation ist, die den Bauern sehr viel Respekt entgegenbringt und Entscheidungsfreiheit gibt. Überall wo ich hinkomme spreche ich immer gerne über Fairtrade, weil ich dieses System liebe.

Wie groß ist deine Kakao-Farm und wie sieht deine Arbeit dort aus?
Ich habe eine 2,5 Hektar große Kakaofarm. Im Durchschnitt stehen auf jedem Hektar 430 Kakaobäume. Von Oktober bis Januar ist die Haupterntezeit, in der der Baum viele Früchte trägt. Dann erntet man die Kakaoschoten, bricht sie auf und schöpft die Kakaobohnen heraus. Wir fermentieren sie für etwa 7 Tage direkt auf dem Feld. Nach der Fermentierung bringen wir die Bohnen nach Hause auf eine Trockenmatte. Dann trocknen wir sie – je nach Sonneneinstrahlung – zwischen 5 und 7 Tagen und bringen sie anschließend zum Verkauf.

Kannst du uns beschreiben, wie sich Fairtrade auf eure Gemeinde ausgewirkt hat?
Früher hatte man bei uns nicht so viel Respekt vor der Landwirtschaft, viele sahen sie als unrentabel an – auch ich! Mein Vater ist ebenfalls Kakaobauer und hat immer viel und hart gearbeitet, trotzdem fehlte früher oft das Geld für die kleinen Dinge, die man zu Hause so braucht.

Heute ist das anders. Wir sehen selbstbewusste Bäuerinnen und Bauern, die lieben was sie tun. Sie sehen Landwirtschaft nicht nur als irgendeinen Job an, sondern als ein Geschäft, in das sie investieren. Das liegt zum großen Teil an den zahlreichen Weiterbildungen, die Fairtrade ihnen anbietet. Wir sehen jetzt Landwirt*innen, die zusätzliche Tätigkeiten ausüben und ein höheres Einkommen erzielen. Ich will nicht sagen, dass sie viel Gewinn machen, aber ich sehe, dass sie mehr profitieren als früher. Es gibt also eine Menge Veränderungen. Viele Jugendliche wollen heute Fairtrade-Landwirt*innen werden.

Welche Rolle spielt die Fairtrade-Prämie in eurer Kooperative?
Mithilfe der Fairtrade-Prämie konnten viele Projekte realisiert werden: In meiner Gemeinde haben wir zum Beispiel damit einen öffentlichen Brunnen und drei neue Klassenzimmer für unsere Schule finanziert. In den umliegenden Gemeinden wurden Gesundheits- und Gemeindezentren aufgebaut oder Bildungsangebote organisiert. Auch die ersten Gebühren für meinen Master-Abschluss wurden von meiner Kooperative bezahlt.

Du machst neben deiner Arbeit bei Asunafo deinen Master-Abschluss in Nachhaltigkeitsstudien. Wie lässt sich das miteinander vereinbaren?
Ich habe mich für diesen Studiengang entschieden, gerade weil ich mit Fairtrade zusammenarbeite. Das Studium hat mir einen großen Überblick über Nachhaltigkeitsthemen verschafft, die uns bei Asunafo unmittelbar betreffen. Ich habe sehr viel über die Auswirkung der Landwirtschaft auf die Umwelt, über nachhaltige Wassergewinnung etc gelernt – all diese Fakten helfen mir bei den Gesprächen mit unseren Bäuerinnen und Bauern.

Was genau tust du als Livelihood Officer in der Asunafo North Union?
Als Livelihood Officer leite ich alle Schulungen im Zusammenhang mit einkommensschaffenden Maßnahmen – also auch solchen, die mit dem Kakoanbau nichts zu tun haben, wie zum Beispiel Gemüseanbau oder Seifenherstellung. Ich suche außerdem fortlaufend nach neuen Möglichkeiten für die Landwirt*innen, ihre Produkte besser zu vermarkten.

Warum ist es so wichtig, dass eure Gemeinschaft Wege findet, ihr Einkommen zu diversifizieren? Und welche Rolle spielen die Frauen eurer Kooperative dabei?
Frauen haben mehr Ausgaben als Männer – und zwar nicht für sich selbst, sondern für die Familie. In einer Kakaobauernfamilie verlässt der Vater das Haus, um auf dem Feld zu arbeiten. Die Frau bleibt zu Hause bei den Kindern und kümmert sich um all die kleinen Dinge, die sie brauchen: Kleidung, Schuhe und andere Dinge – all das müssen die Frauen bezahlen.

Alleinstehende Bäuerinnen müssen oft mehr Arbeitskräfte auf dem Hof einstellen als Männer und haben so höhere Produktionskosten, die durch das Einkommen in vielen Fällen nicht gedeckt werden. Am Ende des Tages sind die Produktionskosten einer Frau also höher als die eines Mannes. Darum unterstützen wir die Frauen dabei, ein zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften, zum Beispiel durch die Herstellung von Seifen.
Ich sage immer: Wenn man etwas in der Gemeinschaft erreichen will, sollte man es über die Frauen tun. Frauen sind gute Managerinnen. Sie sind bereit, viel Energie in Aktivitäten zu investieren, die der ganzen Gesellschaft nutzen.

Was ist deiner Meinung nach die größte Herausforderung, vor der deine Gemeinschaft heute steht, wenn es um die Zukunft des Kakaoanbaus geht?
Die Nachhaltigkeit der Kakaoproduktion wird immer mehr zu einem Problem, weil die Bäuerinnen und Bauern nicht genug verdienen. Es herrscht eine riesige finanzielle Lücke zwischen einem Einkommen, das die Existenz der Kakaoproduzent*innen nachhaltig sichert und dem, was sie zur Zeit wirklich verdienen. Ich weiß, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen wird, an dem sie nicht mehr produzieren werden, weil sie das Gefühl haben, dass sie ihr Land für ein anderes Geschäft nutzen oder es an einen Fabrikbesitzer verkaufen können und dafür mehr Gewinn erzielen.

Und das wirkt sich auch auf das aus, was ihre Kinder sehen. Wenn ihre Kinder die Möglichkeit haben, sich einen Beruf auszusuchen, wird der Kakaoanbau oder jede andere Art von Landwirtschaft an letzter Stelle stehen. So war es auch bei mir. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in der Landwirtschaft arbeiten würde. Ich wollte Krankenschwester werden. Ich wusste, dass ich damit ein gutes Gehalt verdienen würde, um ein gutes Leben zu führen, und die Leute würden mich respektieren. Wenn das Einkommen der Landwirte erst einmal viel besser ist, werden auch ihre Kinder das erkennen und sich für die Landwirtschaft entscheiden.

Eine weitere große Hürde ist der Klimawandel. Die Landwirte wollen neue Kakao-, Kaffee- und Teebäume anbauen. Aber die Überlebenschancen dieser neuen Bäume werden immer geringer – es ist sehr schwierig, 100 Setzlinge zu pflanzen und in sechs Monaten 80 davon zu erhalten. Auch die Produktionskosten werden aufgrund des Klimawandels zu einem Problem. Angesichts all dessen sehe ich eine Zeit kommen, in der Lebensmittel, Schokolade und Kaffee knapp werden, wenn jetzt nichts unternommen wird.

Wie erlebt ihr konkret die Auswirkungen der schwierigen Weltwirtschaftslage, dem Krieg in der Ukraine und den finanziellen Folgen des Klimawandels?
In den letzten Jahren hat es viele Veränderungen gegeben, vor allem während der Pandemie: Die Produktions- und Lebenshaltungskosten der Bauernfamilien stiegen enorm – ihr Einkommen blieb jedoch gleich. Heute steigen die Produktionskosten noch immer, weil es der Wirtschaft nicht so gut geht. Die Kosten für alle Materialien, die für den Betrieb benötigt werden, sind hoch, aber der Preis für unseren Kakao bleibt derselbe. Als Fairtrade-Farmer haben wir aber zum Glück die Fairtrade-Prämie, die dafür sorgt, dass wir einen Teil dieser schweren Last abfedern können.

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Was müssen Unternehmen im globalen Norden deiner Meinung nach besser machen, um eure Gemeinschaft zu unterstützen? Wie sieht es mit den Verbraucher*innen aus, die gerne essen, was ihr anbaut?
Den Verbraucher*innen möchte ich sagen: Wenn ihr noch keine Fairtrade-Produkte kauft, fangt an euch bewusst zu machen, was ihr konsumiert und unter welchen Umständen es produziert wird. Aufgrund der Standards produzieren wir sehr gute Produkte. Kauft also Fairtrade, wenn ihr es noch nicht getan habt. Wenn ihr bereits fair gehandelte Produkte kauft – achtet bei noch mehr Produkten auf das Fairtrade-Siegel.

Was die Unternehmen zum Beispiel in Amerika oder Europa betrifft, so wissen wir alle, dass die CO2-Emissionen der Industrie einen großen Teil des Klimawandels verursachen. Wenn sie etwas tun wollen, dann sollten sie sich für die Unterstützung der Bauern einsetzen, um den Klimawandel abzumildern. Bei den Unternehmen, die sich bereits am fairen Handel beteiligen, möchte ich mich bedanken – ihr macht das wirklich gut.

Ich bin der Überzeugung, wir müssen das gemeinsam machen, denn wir haben nur diese eine Welt. Lasst uns also alle dafür sorgen, dass wir unseren Beitrag leisten und die Zukunft fair gestalten.