Fair Fashion: „Je mehr Marken mitmachen, desto eher trägt sich das Ganze“

Der Fairtrade-Textilstandard ist der erste Standard, der existenzsichernde Löhne für alle Textilarbeiter*innen fordert. Warum davon nicht nur Arbeiter*innen profitieren und wieso es mehr Unternehmen braucht, die mitmachen, erklärt Matthias Distelmann, CEO des Buchholzer Textilunternehmens und Fairtrade Partners Brands Fashion. Dafür ist der Geschäftsführer sogar bereit, Teile seiner Lieferkette zu teilen.

Bild: Mathias Diestelmann verantwortet seit 2020 die Geschäfte des Buchholzer Textilunternehmens Brands Fashion.

Es gibt viele Textilsiegel. Was ist für euch und eure Kunden das ausschlaggebende Argument für den Fairtrade-Textilstandard?

Die Umsetzung des Fairtrade-Textilstandards ist für uns ein wichtiger Ansatz innerhalb unserer Nachhaltigkeitsstrategie. Uns ist es wichtig, dass wir unsere unternehmerische Sorgfaltspflicht erfüllen – entlang der gesamten Lieferkette. Das heißt, wir wollen sowohl die ökologischen als auch die sozialen Standards möglichst hochhalten. Und da unterstützt der Textilstandard ungemein. Gerade das Thema existenzsichernde Löhne ist für uns ein Herzensthema, das wir vorantreiben. Hier ist der Textilstandard das erste und bislang einzige Regelwerk, das dem gerecht wird.

Die Mehrheit unserer Kunden hat ein ähnliches Wertesystem wie wir. Gleichzeitig verspricht der Textilstandard natürlich auch eine Risikominimierung in der Produktion und somit ein geringeres Reputationsrisiko – etwa durch die regelmäßigen Kontrollen. Ausschlaggebend ist für viele am Ende aber vor allem die Zahlung existenzsichernder Löhne.

Seit letztem Jahr gibt es die ersten Textilprodukte zu kaufen, die das Siegel „Fairtrade Textile Production“ tragen, ganz vorne dabei sind Merchandise-Produkte des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart. Wie ist die Resonanz bisher?

Sehr gut, es haben sich seither weitere Fußballvereine angeschlossen: Eintracht Frankfurt, Union Berlin und Werder Bremen. Aber auch Kunden aus anderen Branchen stellen ebenfalls Teile ihres Merchandise auf den Textilstandard um. Generell merken wir, dass Nachhaltigkeit im Sport aktuell ein großes Thema ist. Gerade mit Blick auf die neue Richtlinie der Deutschen Fußballliga sind Vereine hier gefordert.

Wir merken aber auch, dass das Thema insgesamt erklärungsbedürftig ist. Viele kennen den Unterschied zwischen Mindestlöhnen und existenzsichernden Löhnen nicht. Auch was ein existenzsichernder Lohn bedeutet und weshalb die Einführung nicht von heute auf morgen umsetzbar ist, bedarf Erklärung.

Wie lief die Umsetzung des Standards ab und welchen Impact hat er vor Ort in den Fabriken?

Fairtrade hat zunächst den Status quo ermittelt und geschaut, wie weit die Betriebe in Bezug auf Mitbestimmung und Arbeitssicherheit sind. In Workshops und Trainings wurden dann gemeinsam mit Arbeiterinnen, Arbeitern und Management konkrete Fragen bearbeitet. Etwa: Welche Wünsche haben die Beschäftigten an das Management? Was macht eine gute Arbeitssituation aus? Es ging darum, die Arbeiter*innen für einen gerechten Lohn zu sensibilisieren und über ihre Rechte aufzuklären. Außerdem wurden Vertretungen der Arbeitnehmer*innen gewählt, die mithilfe gezielter Trainings als Ansprechpartner*innen dienen, wenn es um Arbeits- und Sozialrechte geht. Darüber hinaus wurde ein Plan erarbeitet, wie die Löhne der Arbeiter*innen schrittweise erhöht werden können, um letztlich einen existenzsichernden Lohn zu erreichen.

Der Textilstandard schreibt vor, dass Textilarbeiter*innen innerhalb von sechs Jahren einen existenzsichernden Lohn erhalten. Das bedeutet ein deutlicher Anstieg der Lohnkosten. Wer zahlt die Mehrkosten?

Wenn wir über Mehrkosten sprechen, sind Lohnkosten das eine und Zertifizierungskosten sowie administrative Kosten bei uns und unseren Lieferanten das andere. Einen Teil dieser Kosten preisen wir natürlich ein und kalkulieren unsere Endpreise an Kundinnen und Kunden entsprechend. In der tieferen Lieferkette lasten wir allerdings nur einen Bruchteil der Gesamtkapazitäten aus, tragen aber die gesamten Mehrkosten. Prinzipiell gilt: Je stärker wir eine Produktionsstätte auslasten und je mehr Marken mitmachen, desto eher trägt sich das Ganze.

Wie hoch ist eure Auslastung entlang der Lieferkette insgesamt?

Das kommt auf die Tiefe der Lieferkette an. Auf der Stufe der Konfektion haben wir zum Teil 100 Prozent Auslastung. Zu diesem Partner haben wir einen sehr guten und engen Kontakt. In der tieferen Lieferkette wie der Färberei, wo wir weniger als 20 Prozent auslasten, stehen die Betriebe der Zertifizierung skeptischer gegenüber. Um die Auslastung mit Aufträgen, die wie wir faire Löhne unterstützen, in diesen Betrieben zu erhöhen, ist es wichtig, dass mehr Unternehmen den Textilstandard umsetzen.

Wie überzeugt man diese Betriebe trotz Skepsis mitzumachen und sich zertifizieren zu lassen?

Es braucht viel Überzeugungsarbeit. Man muss das direkte Gespräch suchen und erst einmal das Management davon überzeugen, dass das Thema einen Mehrwert für die Fabrik hat. Dann muss natürlich die Nachfrage folgen. Wir sind als Unternehmen in Vorleistung gegangen und haben die Fabriken massiv bei der Zertifizierung unterstützt. Aber wenn Aufträge anderer Unternehmen ausbleiben, wird es mit unserer geringen Auslastung allein schwierig. Wenn sich die Zertifizierung für Betriebe nicht rentiert, werden sie langfristig nicht weitermachen.

Aus diesem Grund braucht es andere Unternehmen, die mitziehen. Dafür stellen wir auch gerne Teile unserer Lieferkette zur Verfügung und bieten anderen Unternehmen an, die von uns zertifizierten Betrieben mit zu nutzen.

Was braucht es aus eurer Sicht seitens der Politik, damit sich in der Branche etwas bewegt?

In Deutschland setzen wir in der Regel erst einmal auf Freiwilligkeit. Das ist ein guter Ansatz, der allerdings – das haben wir in der Vergangenheit gesehen – alleine nicht ausreicht. Es ist nicht richtig, dass wir als engagiertes Unternehmen, für das die Einhaltung von ökologischen und sozialen Standards selbstverständlich ist, mit Preisen von Mitwettbewerbern konkurrieren, die keine Standards einhalten. Es bräuchte stattdessen gleiche Voraussetzungen für alle. Deswegen begrüßen wir politische Schritte wie das Lieferkettengesetz. Neben gesetzlichen Richtlinien brauchen wir aber auch mehr politische Förderung. Damit es eben nicht nur darum geht, Unternehmen Pflichten aufzuerlegen, sondern auch Lösungsansätze anzubieten.